Theoretische Betrachtung
In diesem Abschnitt soll eine theoretische Grundlage für die Analyse des Filmes geschaffen werden. Im Zentrum unserer Betrachtungen sollen dabei zwei wesentliche Arbeiten stehen. Zum einen möchten wir uns auf die Theorie des französischen Philosophen Henri-Louis Bergsons berufen. Und zum anderen sollen die Erkenntnisse des Psychologen Sigmund Freuds im Bezug auf das Unbewusste am Witz als Fundament dienen.
Henri Bergson - Das Lachen
Für Bergson ist das Komische immer ein Bestandteil der menschlichen Sphäre. Es gibt keine Komik außerhalb dieser Sphäre (vgl. Bergson 1900, S.6). Zudem bedarf das Lachen immer des Echos, somit kommt dem Lachen eine soziale Funktion zu. Lachen verbindet, so Bergson (ebd., S.8). Dabei folgt das Komische eine eigene Logik. Bergson spricht dabei von der Logik der Phantasie. Diese, welche sich nicht mit der Logik des Verstandes vereinen lässt (ebd., S.31), ähnelt der Logik des Traumes, bloß das der Traum nicht von einem Individuum geträumt wird, sondern von der gesamten Gesellschaft. Das Komische innerhalb einer Gruppe oder auch Gemeinschaft entwickelt sich dann, wenn sich die Aufmerksamkeit der Menschen auf einen legt und auf intellektueller Weise gespielt wird. Diese Spiele können verschiedene Ebenen umfassen.
Um diese Problematik näher zu erörtern, möchten wir an dieser Stelle kurz in den Diskurs über das Spiel und die Bedeutung in der Gesellschaft eintauchen. Ein klassisches Werk ist dabei der Essay über das Spiel als grundlegendes Element unserer Kultur von Johan Huizinga1. Nach Huizinga stellt das Spiel einen fundamentalen Faktor für die Gesellschaft dar. Seine These verdeutlicht er dabei an diversen Beispielen. Ein für unsere Untersuchungen relevantes Beispiel ist das Spiel der Sprache. Inwieweit diese doch sehr radikale These nun der Wahrheit entspricht oder nicht, soll zunächst nicht von Bedeutung sein. Viel wichtiger erscheint in diesem Zusammenhang die Verbindung von Spiel nach Huizinga und Lachen nach Bergson. Beides sind fundamentale kulturelle Phänomene mit ähnlichen Merkmalen. So sei nach Huizinga beispielsweise die Dichtung im Spiel geboren (ebd., S.133). Huizingas Argumentation trifft dabei auf die Unterscheidung von Ernstem und Nichternstem. So führt auch Huizinga an, dass das Komische unter den Begriff des Nichternsten falle und dadurch mit dem Lachen verbunden sei. Wenngleich er fortführt, dass dies für die Verbindung zum Spiel von nebensächlicher Natur sei (Huizinga 1956, S. 14). Gleichwohl soll das Verhältnis von Spiel und dem Komischen aufgegriffen werden, um die Tatsache zu verdeutlichen, dass es sich beim Witz aber auch dem Komischen im Allgemeinen immer um eine Ursache und eine daran geknüpfte Wirkung handelt. Huizingas strikte Unterscheidung lässt dabei den Gedanken aufkommen, dass das Komische ein Resultat des Kontrastes ist, dieser Vermutung möchten wir jedoch an dieser Stelle schon Skepsis entgegnen. Schließlich ergibt sich das Komische nur durch komplexe Sinndefinitionen. Festzuhalten bleibt mit Blick auf Bergsons Theorie des Lachens, neben der sozialen Funktion die Fokussierung auf das Spiel des Intellektes: „Kurz, das Komische setzt, soll es voll wirken, etwas wie eine zeitweilige Anästhesie des Herzens voraus, es wendet sich an den reinen Intellekt.“ (Bergson 1900, S. 8) Betrachtet man diese Aussage genauer wird deutlich, dass der Prozess, welcher Lachen hervorruft, ein sehr sensibler und zugleich überraschender sein kann. Die Überraschung entsteht im Verpuffen der zuvor aufgebauten Erwartungen und oftmals auch in einer absurd erscheinenden Assoziation. Hier offenbart sich auch die Nähe des Komischen zum Tragischen. Schließlich kann das, was im ersten Moment als Komisch erscheint und die Gemüter erfreut, bei neuer Sinndefinition als tragisch erscheinen. Henri Bergson führt bei seiner Analyse den Begriff der mechanischen Starrheit ein. „[...]gewisse mechanische Starrheit, da wo wir geistige Rührigkeit und Gelenkigkeit fordern.“ (ebd., S.13) Die Gesellschaft ist danach bestrebt, eine höchstmögliche Elastizität (ebd., S.18) zu erreichen. Was Bergson mit mechanischer Starrheit des Geistes anspricht, kann sich auch mit mangelnder Flexibilität ausdrücken lassen. Besonders mit Blick auf Modernitätsdiskurse erscheint dieses Thema als überaus aktuell. In der Moderne wird gerade Elastizität in hohem Maße von den Menschen gefordert, sei es auf dem Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Die hohe Optionalität in der modernen Gesellschaft wirkt mit Blick auf das Komische besonders reizvoll. Denn da, wo die Menschen aufgrund ihrer Gewohnheiten nicht flexibel handeln, entsteht eine Starrheit, die Potenzial für das Komische beherbergt. Die Starrheit kann durch eine übermäßige Trägheit der Sinne provoziert werden, indem man sieht, was nicht mehr zu sehen ist, oder hört, was nicht mehr zu hören ist (vgl. Bergson 1921, S.11). Die Trägheit, sei sie nun bezogen auf den Körper, den Geist oder Charakter, ist nach Bergson das Komische und das Lachen ist die Strafe (vgl. ebd. S.18). Hieraus kann sich mit Blick auf die soziale Funktion des Lachens jedoch auch eine gefährliche Entwicklung abtun. Klar ist, dass das Lachen als eine soziale Geste eine wichtige Rolle für die Gemeinschaftsbildung darstellt. Auch bei der frühen Sozialisation spielt das Lachen oder das Lächeln eine bedeutende Rolle (vgl. Berger 1998, S.68). Das gezielte Hervorrufen des komischen Lächelns oder Lachens wird eingesetzt, um die Akzeptanz zwischen den kommunizierenden Individuen zu etablieren oder zu verbessern (vgl. ebd). Mit Blick auf die Gruppenbildung und das Verhältnis verschiedener Individuen wird ein weiterer Punkt, die Relevanz von Humor, als grenzbildendes Mittel deutlich. Durch steigende Akzeptanz kann das Verhältnis innerhalb einer Gruppe zwar gestärkt werden, jedoch können sich für Unwissende auch sozio-negative Effekte ergeben. Dabei handelt es sich nicht um eine neue Erkenntnis oder gar eine überraschende Wendung. Wie wohl jeder Leser dieses Textes in seinem Leben bereits erfahren hat, kann das Lachen die Funktion der Demütigung ausüben. Wie schon angesprochen, ist der Witz auch immer ein Spiel des Intellektes. So können sich negative Effekte auch dadurch ergeben, dass ein komischer Gedanke (welcher der Logik der Phantasie entsprang) nicht erfolgreich kommuniziert wurde und somit das notwendige Echo im wahrsten Sinne des Wortes ausbleibt, da die Sinndimension nicht übereinstimmt oder die Assoziationsfähigkeiten der kommunizierenden Parteien asynchron verlaufen.
Neben dem Komischen der Form definiert Bergson auch das Komische der Bewegung. „Stellungen, Gebärden und Bewegungen des menschlichen Körpers sind in dem Maße komisch, als uns dieser Körper dabei an einen bloßen Mechanismus erinnert.“ (Bergson 1921, S. 23) Im Zuge unserer Betrachtungen und mit Blick auf das Acting im Film wird deutlich, dass es sich dabei um einen scheinbar sehr interessanten Faktor handelt. Interessant ist dieser Punkt unter anderem deshalb, weil der Regisseur Tati, den Protagonisten Hulot selbst verkörpert. Unumstritten kann gesagt werden, dass die Charaktere im Film gezeichnet und ausgehend von einer erzählerischen Intention geschaffen werden. Dadurch, dass Hulot von Tati selbst gespielt wird, entsteht eine direkte Verbindung vom Ideengeber hin zum Rezipienten. Die Art der Bewegungen, wie sie Hulot verkörpert, wird im Abschnitt zum Acting genauer betrachtet. An dieser Stelle soll jedoch noch festgehalten werden, dass es sich beim Komischen der Bewegung wieder um gewisse Mechanismen handelt, welche durchaus unbewusst in Erscheinung treten können. So kann eine gewisse Handhaltung oder auch eine bestimmte Stellung zum urplötzlichen Lachen reizen. Und genau hieraus ergibt sich die Tatsache, dass Gebärden, welche normalerweise nichts Lächerliches an sich haben, auf einmal komisch erscheinen, wenn sie nachgeahmt werden (vgl. Bergson 1921, S.25). Dies kennzeichnet zugleich das Grundprinzip der Parodie.
Sigmund Freud - Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten
Für Freud stellt der Witz einen Unterbegriff der Komik dar. Beim Witz ergebe sich die Komik dadurch, dass eine Situation in Form von Verblüffung aufgelöst wird (vgl. Freud 1992, S.29). Um die Verbindung zum Unbewussten herzustellen und dies in Einklang mit der Traumarbeit zu bringen, ist es nötig, die Technik des Witzes zu erläutern. Freud nennt dafür diverse Beispiele und führt diese genauer aus. Dadurch werden verschiedene Techniken herausgearbeitet. Aufgrund der Komplexität soll nicht explizit auf jede Technik eingegangen werden. Auszug aus den Techniken:
- die Verdichtung
- die Verwendung des nämlichen Materials
- Doppelsinn
- Verschiebung
Die Verdichtung stellt dabei eine Konstruktion eines Wortes dar, welches mit anderen Wörtern gemischt oder einfach modifiziert wurde. So führt Freud das interessante Wortbeispiel „famillionär“ an. Die Mischung aus Familiär und Millionär erscheint dabei zwar ersichtlich. Die Bedeutung erschließt sich jedoch erst aus dem Kontext. „R. behandelte mich ganz seinesgleichen ganz famillionär.“ Eben so familiär wie es ein Millionär nur kann. Weiterführend kann gesagt werden, dass durch die Modifikation auch ein Doppelsinn leicht eingebunden werden kann. So ergibt es sich, dass der Witz gewissen Regeln folgt und auch aus der Kombination verschiedener Techniken hervorgehen kann. Ein weiteres Beispiel wäre die Verschiebung. Sie ergibt sich daraus, dass ein Gedankengang auf einen darauf Folgenden abgelenkt wurde und so der psychische Akzent verlagert wurde.
Wie schon Bergson konstatierte, stellt das Komische ein Phänomen der menschlichen Sphäre dar. Hierfür kommen grundlegend zwei Personen in Betracht. Zum einen die Person, welche das Komische empfängt und zum anderen der Sender des Komischen. Freud bemerkt zusätzlich, dass, wenn man einen Gegenstand komisch findet, dies meist durch einen Personifizierungsprozess geschieht (vgl. Freud 1992, S. 157). Das Spiel der Gedanken und der daraus resultierende Kontrast von Unsinn und Vernunft verlangen ein, wie Bergson es nannte, Echo. Also einen Empfänger, mit welchem man den komischen Gedankengang teilen kann.
Der Grund, weshalb wir uns der Sprache und des Witzes allgemein zugewendet haben, ist die Bedeutung für die Interpretation dieser Erkenntnisse hinsichtlich der audiovisuellen Filmsprache. Wie bereits gezeigt, stellt die Auslassung einen wichtigen Mechanismus bei der Erzeugung eines Witzes oder einer komischen Situation dar. Sowohl durch die Sprache als auch durch das Bild lässt sich die Alltäglichkeit des Witzes und des Humors im Allgemeinen sehr gut abbilden. Die besondere Problematik ergibt sich jedoch aus der Authentizität der Inszenierung. Wie bereits mehrfach ausgeführt, ist der Witz ein komplexes Spiel auf verschiedenen Ebenen. Diese Komplexität gilt es auch im Film nachzubilden oder bestenfalls zu simulieren. Ausgehend, davon, dass jeder Witz auch von der individuellen Konstruktion des Rezipienten abhängig ist ergibt sich mit Blick auf das Kino ein weiteres Problem, dass des indirekten Echos.
Nach Freud steht der Witz in einer engen Relation mit dem Traum. Obschon Bergson ebenfalls auf diese Relation hinwies, unterscheiden sich beide Aussagen darin, dass Bergson dies im Zusammenhang einer metaphorischen Aussage formulierte und Freud dies explizit aus psychologischer Sicht interpretiert. Freud unterscheidet dabei zwei Formen, den latenten und den manifesten Trauminhalt(Freud 1992, S.173). Während der manifeste Trauminhalt jener ist, an welchen man sich erinnert, erscheinen die latenten Traumgedanken als eher fragmentiert, verschoben und undurchsichtig. Die Summe dieser Verarbeitungsprozesse wird als Traumarbeit definiert (ebd., S.173f). Nach Freud sind es nicht abgeschlossene Aufgaben, welche sich im Traum wieder aufdrängen und im Unterbewusstsein lagern. Der Traum stellt dabei einen Mechanismus zur Bewältigung dieser offenen Prozesse und Aufgaben dar. Freud konstatiert drei große Leistungen, die von der Traumarbeit vollbracht werden.
- Umwandlung zur Darstellungsfähigkeit
- Verdichtung
- Verschiebung
Die Verdichtungsarbeit erzeugt dabei verschiedene, meist diffuse Mischobjekte und schafft so eine Neuanordnung der Bilder. Mit Blick auf die Techniken des Witzes, lassen sich somit diverse Überschneidungen erkennen.
Dies legt nahe, dass es sich beim Witz um ein affektives Ereignis handeln kann. Dieses ist gesteuert und motiviert durch die innere Lust, welche nach aussen drängt. Mit Blick auf den Film ergibt sich dabei die Frage nach einer möglichst authentischen Simulation des Unbewussten. Dieser Umstand kann sich auch auf den Rezipienten des Filmes selbst und nicht nur auf den Entwickler auswirken. Zudem ergibt sich mit dem, aus den Witzen, resultierenden Lustgewinn eine Lockerung von Verdrängungen. Es werden Grenzen überschritten, die für das Bewusstsein normalerweise in den Hintergrund gerückt werden. Durch die Rezeption kann sich somit die Perspektive des Zuschauers verändern, da bislang verdrängte Probleme, Situationen und Konflikte in den Vordergrund geraten.
Fußnoten
- 1 Huizinga, Johan (1956): Homo Ludens: Vom Ursprung der Kultur im Spiel.